Kehlsteinwege - und jetzt?

April 2017

Das Kehlsteinareal ist ein sensibles Gebiet. Täterort? Erinnerungslandschaft? Erholungsgebiet? Bauwege? Verbindungswege? Wirtschaftszweig? Sanierungsfall? Geschichtsdenkmal? Wohl alles zusammen.

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Das Gebiet (Obersalzberg – Ofnerboden – Kehlsteinhaus – Scharitzkehlalm – Obersalzberg) enthält einerseits einen denkmalgeschützten Bereich von Kehlsteinstraße und Kehlsteinhaus, der durch touristische Nutzung seit Jahrzehnten hohe Gewinne abwirft, andererseits den Bereich der „Kehlsteinwege“, die das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege als nicht denkmalwürdig einstuft. Eine Begründung für diese unterschiedliche Betrachtung ist vom Landesamt nicht zu erhalten. Jahrzehntelang gab es keine Probleme. Doch seit ca. 10 Jahren gerieten verschiedene Interessen aneinander.

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Die bayerischen Staatsforsten argumentierten, die Wege
1. seien wegen des in Mitleidenschaft gezogenen Teers gesundheitsschädlich
2. seien mit 2,5 m zu schmal für moderne Holzerntegeräte.
3. sollten zu modernen sandhaltigen Forststraßen von bis zu vier Metern Breite ausgebaut werden. (im Bild links die Forststraße zum Rauhen Kopf).

Viele Berchtesgadener Bürger, die sich inzwischen zu einer Bürgerinitiative zusammengeschlossen haben, sahen das anders.
1. Es gäbe andere Kriterien als Gewinnmaximierung. Nicht nur die touristische Ausbeute der Kehlsteinstraße auf der einen Seite, die forstwirtschaftliche Ausbeute der Nebenwege auf der anderen Seite. Das Areal sei ein historisches Gesamtareal, das nicht auseinanderdividiert werden dürfe.
2. Das Argument, die Nebenwege zögen Nazis an, die Kehlsteinstraße aber nicht, sei nicht nachvollziehbar.
3. Die forstwirtschaftliche Nutzung sei anerkannt, aber nicht auf allen Wegen nötig.
4. Nicht nur die Kehlsteinstraße, sondern auch die Kehlsteinwege seien touristisch interessant, gerade in ihrer jetzigen Form für Wanderer, Rollstuhlfahrer, Skiroller und Menschen mit Kinderwägen, die auf der Kehlsteinstraße nicht gehen und fahren dürfen.

Ein erstes Gutachten gab ausschließlich den Staatsforsten Recht. Ein zweites Gutachten sah die Problematik differenzierter. Im März 2017 verhandelte Landrat Georg Grabner mit den Bayerischen Staatsforsten und der Bürgerinitiative für den Erhalt der Kehlsteinwege am „Runden Tisch“ ein Ergebnis, das auf der Grundlage des ergänzenden Gutachtens wie folgt aussieht:

Stützmauer-südlich-der-Salzwand.JPG

Die bayerische Staatsforsten
1. verzichten auf den vollständigen forstgerechten Umbau der Wege. Von den insgesamt 13 km können aus forstlicher Sicht 8 km unverändert bleiben
2. Die 5 km forstlich intensiv genutzten Wege brauchen nur auf 3 m Breite ausgebaut werden.
3. Auf allen Wegen wird die kontaminierte Teerdecke entfernt und durch eine neue Tragschicht mit Kiesdecke ersetzt.
4. Die so genannten „Ingenieurbauten“ (Hangbefestigungen) bleiben erhalten. (unteres Foto)

Die Bürgerinitiative
1. bedauert, dass die kontaminierte Teerschicht nicht durch eine Asphaltschicht ersetzt wird, die dem bisherigen Erscheinungsbild entsprechen würde, sondern durch eine Sandschicht.
2. befürchtet, dass die Ingenieurbauten nach Wegfall des befestigten Wegeaufbaus durch Ausschwemmung und Frostaufbruch zerstört werden.
3. bedauert, dass auch die 8 km, die aus forstlicher Sicht unverändert bleiben können durch den Ausbau als Sandwege mit 2,5 m Breite (plus 1 m für Bankett und Spitzgraben) weit über die gegenwärtige Breite ausgebaut werden.

Daneben läuft derzeit im Petitionsausschuss des Bayerischen Landtags ein Antrag, das gesamte Kehlsteinareal als „Europäischen Erinnerungsort“ auszuweisen, der dann einen besonderen Erhaltungsschutz genießen würde. Das Ergebnis ist offen.

G. Anders