Die Berchtesgadener Klostergründung und nahe „Klosterverwandtschaften“

Wer auf unserem historischen Berchtesgadener Marktplatz steht und seinen Blick hinauf zur Giebelfassade des Hirschenhauses richtet, der bekommt die Gründungsgeschichte unseres Ortes anschaulich vor Augen geführt.

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Giebelfassade Hirschenhaus

Die Fresken, gemalt vom Münchner Kunstmaler Richard Throll, seines Zeichens Gewerbelehrer von 1906 bis 1911 an der hiesigen Schnitzschule, zeigen die fromme Stifterin, Gräfin Irmgard (einer Tochter des Pfalzgrafen in Bayern, Kuno von Rott), mit ihren beiden Söhnen Berengar und Kuno.

Allerdings lag Gräfin Irmgard bereits auf dem Sterbebett, als sie 1101 ihren beiden Söhnen letztmalig das Versprechen abnahm, in ihrem Namen und zu ihrem Seelenheil in der Waldeinsamkeit von Grafengaden (heute St. Leonhard), zu dem das Berchtesgadener Gebiet gehörte, endlich ein Kloster zu errichten. Die Söhne hatten zwar kurz zuvor schon den Propst Ulrich aus dem Augustiner-Chorherrenkloster Rottenbuch im Ammergau gebeten, Mönche nach Grafengaden zwecks Klostergründung zu entsenden. Vier Mönche mit ihrem Leiter Eberwin und vier Laienbrüder sollen schließlich um 1102 gekommen sein, doch sie hielten es in der unwirtlichen Gebirgslandschaft nicht lange aus. Insbesondere eisige Kälte und Stürme im Winter aber auch Bären und Wölfe haben sie nach relativ kurzer Zeit zum Aufgeben gezwungen. Auch die materielle Ausstattung soll nicht ausreichend gewesen sein. So zogen sie sich an das mittlerweile gegründete Kloster Baumburg am Zusammenfluss von Alz und Traun zurück. Doch welche geschichtlichen Zusammenhänge bestehen zwischen beiden Klostergründungen?

Sie aufzuspüren ist höchst interessant aber auch reichlich kompliziert mit den vielen Grafengeschlechtern, denn in jener Zeit kamen gleichlautende männliche wie weibliche Vornamen über Generationen hinweg immer wieder vor – sehr zum Leidwesen der Geschichtsforscher. Was also haben Baumburg oder ggf. sogar mehrere andere Klostergründungen mit Berchtesgaden zu tun?

Dazu muss man sich die Genealogie der Gräfin Irmgard einmal genauer anschauen. Diese edle Dame war immerhin dreimal verheiratet. Das erklärt ihren reichen Grundbesitz durch diese ehelichen Verbindungen. Mit ihrem ersten Mann Engelbert V., Graf im Chiemgau und Besitzer des Waldgebietes von Berchtesgaden, war ihr keine Nachkommenschaft beschieden. Nach dessen Tode heiratete sie Gebhard II., Graf von Sulzbach, dem sie die beiden Kinder Berengar I. und Adelheid schenkte. Fortan nannte sie sich Gräfin Irmgard von Sulzbach, einem enorm vermögenden und politisch einflussreichen Geschlecht jener Zeit. Nach dem Tod von Gebhard II. (+ um 1085) heiratete Gräfin Irmgard zum dritten Male, nun den Grafen Kuno den Älteren von Horburg (richtig müsste es „Harburg“ heißen), von Lechsgemünd und Frontenhausen. Mit ihm hatte sie einen Sohn Kuno den Jüngeren (1096 – 1139). Er war somit der Halbbruder von Berengar I.

Diese beiden Söhne aus verschiedenen Ehen waren folglich beauftragt, das Stiftungsversprechen der Mutter einzulösen, das sie selbst im Angesicht des Todes nicht mehr in die Tat umsetzen konnte. Ihr Sohn Berengar I. war wiederum in erster Ehe mit einer Gräfin Adelheid von Lechsggemünd vermählt, dem Geschlecht also, dem auch Irmgards dritter Ehemann angehörte. Auf Adelheids und ihres ersten Mannes Marquart und dessen Eltern Sighart VII. und Judiths Betreiben wurde das Kloster Baumburg gegründet, das ebenfalls den Augustiner-Chorherren von Rottenbuch zur Seelsorge übertragen wurde. Dies bot Eberwin mit seinen Mannen seinerzeit die Möglichkeit, sich aus Berchtesgaden nach Baumburg zurückzuziehen, bevor er um 1120 in Berchtesgaden einen erneuten Versuch der Klostergründung startete. Graf Berengar I. von Sulzbach gilt somit nicht nur als (Mit-)Stifter des Klosters in Berchtesgaden sondern auch mit seiner ersten Frau Adelheid von Lechsgemünd als (Mit-)Stifter des Klosters Baumburg/Alz.

Das Kloster Rott/Inn wiederum geht auf eine Stiftung Irmgards Eltern zurück. Da ihr Bruder Kuno II. in der Schlacht von Höchstädt/Donau am 11. August 1081 mit erst 26 Jahren sein junges Leben verlor, vermachten die Eltern, Kuno I., Pfalzgraf in Bayern, vermählt mit Uta von Diessen, den gesamten Familienbesitz an die Benediktiner-Mönche. Doch auch die Tochter Irmgard ging dabei nicht leer aus. Ihr Erbanteil floss wiederum der Klostergründung in Berchtesgaden zu. Ihrem Sohn aus dritter Ehe gab sie ebenfalls den Vornamen Kuno in Erinnerung an ihren Vater und Bruder. Somit gilt Sohn Kuno der Jüngere, Graf von Horburg, zusammen mit Berengar I. als der (Mit-)Stifter des Klosters zu Berchtesgaden.

Schließlich ist noch das Kloster Kastl bei Sulzbach in der heutigen Oberpfalz zu erwähnen. Es ist mit seiner Burganlage der Stammsitz der Grafen von Sulzbach. Dort gilt Irmgards Sohn, Graf Berengar I., zusammen mit seinen Verwandten Otto und Friedrich als der (Mit-)Stifter des dortigen Klosters. Im sogenannten Paradies, der Vorhalle zur Klosterkirche, haben unsere Klostergründerin Irmgard sowie ihr Sohn Berengar I. ihre letzte Ruhe gefunden. Hingegen ruhen Irmgards Vater Kuno I. und dessen junger Sohn Kuno II. - Irmgards gefallener Bruder – im Marmor-Stiftergrab des ehemaligen Benediktinerklosters Rott am Inn. Adelheids Grab, der Gattin von Berengar I., befindet sich in der Klosterkirche von Baumburg. Wo hingegen die Gebeine des Berchtesgadener (Mit-)Stifters Kuno der Jüngere, Graf von Horburg, Lechsgemünd und Frontenhausen (+ 1139) ruhen, ist aus der einschlägigen Literatur derzeit nicht zu entnehmen. Befinden sie sich vielleicht doch im Kreuzgang von Berchtesgaden, ohne dass wir es bisher wissen?

Wer auch immer sich mit der Klostergründung in Berchtesgaden befasst, sollte nicht versäumen, auch den anderen „verwandten“ Klöstern gelegentlich einen Besuch abzustatten. Sie bergen nicht nur die letzten Ruhestätten der Stifter, sondern auch einmalige Kunstwerke namhafter Meister späterer Jahrhunderte.

Manfred Angerer

Quellen:

- Koch-Sternfeld: Geschichte des Fürstenthums Berchtesgaden (1815); Reprint 1983

- Karl Larverseder: Geschichte des Augustiner-Chorherrenstiftes Berchtesgaden
  von seiner Gründung bis zum Ende des 13. Jh.
  in Festschrift zum 50-jährigen Bestehen der DAV-Sektion Berchtesgaden 1925

- Heinz Dopsch: Geschichte von Berchtesgaden, Band 1 (1991), Seite 196 – 228

- Kirchenführer von Baumburg, Berchtesgaden, Kastl/Opf. sowie Rott am Inn.

 

 

 

Anmerkung: Mein o. a. Exkurs als Dankesrede anlässlich der Verleihung des HKV-Ehrenpreises musste wegen der der Corona-Pandemie geschuldeten Straffung der Versammlung am 14.7.2020 leider entfallen.