Die Anfänge des Radsports in Berchtesgaden

August 2026

Niederräder und Langsamfahren – 

Jeden Sommer tummeln sich auf Forstwegen und Almen Radl und E-Bikes, das Rossfeld wird zum Rennrad-Mekka. Einheimische wie Gäste zieht es auf zwei Rädern zu den steilen Anstiegen Richtung Gotzenalm oder Hirschbichl.

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Radler*innen in Berchtesgaden

Die Wurzeln des Radsportes im Talkessel reichen fast 150 Jahre zurück. Obwohl die erste „Laufmaschine“ von Karl von Drais schon 1817 entwickelt worden war, machten erst die weiteren Erfindungen des Niederrades, des Tretantriebes und des Luftreifens das Fahrrad Ende des 19. Jahrhunderts massentauglich – und damit auch zum Sportgerät. Schon damals war der Berchtesgadener Talkessel sehr beliebt in der noch kleinen Radsportgemeinde, das zeigen zahlreiche Tourenbeschreibungen. Ein Radfahrer-Touren-Buch von 1892 empfahl etwa die Tour von Innsbruck nach Traunstein über Berchtesgaden und Ramsau mit stolzen 448 km. Der Radfahr-Club „Münchner Kindl“, der Velociped Club „Germania“ und der Akademische Radfahrer-Verein organisierten regelmäßig Fahrten in die Berchtesgadener Berge. Das Hotel zur Krone vom Georg Kuss – selbst radsportbegeistert – warb sogar mit ermäßigten Preisen für Radfahrer.

In vielen Radfahrer-Zeitungen finden sich zudem Berichte von Fahrten nach Berchtesgaden, mit dabei auch einige illustre Schilderungen. So ist 1899 in einem Artikel in der Österreich-ungarischen Radfahrer-Zeitung zu lesen:

„Auf wunderbarer Strasse ging es nun nach Reichenhall und von dort nach Berchtesgaden, wo selbst wir selbstverständlich auch dem König der Seen einen Besuch abgestattet hatten. Hier hat uns das Bier so gut geschmeckt, dass jeder weiter s….., pardon, trinken und niemand radeln wollte. Endlich musste aber doch geschieden sein.“

Über das benachbarte Bad Reichenhall berichtet hingegen ein anderer in den Mittheilungen des Vereines deutscher Radfahrer Prag 1898:

„Reichenhall war überfüllt mit Curgästen – Radfahrer in Massen –, aber so schlecht wie dort habe ich selten radfahren sehen, besonders die Damen – entsetzlich! – Ewiges Gewackel hin und her, den Finger nicht von der Glocke weg, Geklingel bis zur Bewusstlosigkeit wie in einer Telephoncentrale.“

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Fahne Radfahr Verein

Auch in Berchtesgaden gab es zu dieser Zeit bereits einen Radfahrerverein. Im Dezember 1891 annoncierten „mehrere Velocipedisten“ im Berchtesgadener Anzeiger ein Treffen zwecks Gründung eines „Velociped-Clubs“. 1892 wurde der Verein gegründet und zählte nach kurzer Zeit bereits 18 Mitglieder. Das Vereinslokal und zugleich der „Fahrsaal“ war das Deutsche Haus in der Maximiliansstraße (heute Sparkasse). In Fahrsälen konnten Ungeübte abseits des Verkehrs (und öffentlicher Blicke) Fahrradfahren lernen. Büttner hieß der Vorstand und Kreitmayr der Schriftführer. Kreitmayr hatte bereits an überregionalen Rennen im Niederradfahren (damals gab es auch noch die Hochräder) teilgenommen.

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Rückseite Fahne

Am 2. Oktober 1892 organisierte der Verein sein erstes Rennen zwischen Bischofswiesen und Hallthurm – oder genauer – andersherum. Es war wohl bergab noch etwas einfacher. Geschmückt mit Blumen und Eichenlaub fuhren die Teilnehmer gemeinsam zum Start. Gewonnen hat Kreitmayr. Platz 5 belegte als auswärtiges Mitglied Stefan Imhof aus München, der spätere Berchtesgadener Bürgermeister, von dem zudem bekannt ist, dass er als Student mit dem Hochrad bis nach Berchtesgaden gefahren ist. Simon Hölzl und Karl Stanggassinger erhielten Preise im anschließenden Langsamfahren (!). Hier ging es in einer Art Geschicklichkeitswettbewerb darum, eine gewisse Distanz möglichst langsam zu fahren, ohne dabei abzusteigen, und somit die Beherrschung des Sportgerätes nachzuweisen. Eine abschließende Korsofahrt führte zur Siegerehrung mit Musikkapelle im Brennerbarscht. Berichten zufolge, waren viele Zuschauer*innen bei diesem Spektakel dabei. Acht Teilnehmer vom Radfahr-Verein Salzburg kamen extra über die Grenze, um beim Rennen dabei zu sein.

1911 erhielt der Verein sogar eine eigene Fahne mit einem Speichenrad auf dem Mastkopf und auf der Fahnenrückseite, darunter die historische Grußformel der bürgerlichen Radvereine „All Heil“.

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Wappen Radfahr Verein 1892

Danach gibt es kaum noch Berichte über den Verein. Belegt ist aber, dass es in Berchtesgaden auch noch andere Radsportvereine gab wie einen Ortsverein des Arbeiter-Radfahrerbundes „Solidarität“ in den 1920er Jahren. 1948 gründete sich der heute noch existierende Radsportverein Berchtesgadener Land und 2013 die Berchtesgaden Bike Association (BBA), deren Mitglieder an den schicken Trikots mit dem Logo des Hofbrauhauses Berchtesgaden zu erkennen sind. Die BBA ist mittlerweile überregional bekannt – nicht zuletzt durch das jährliche Benefizevent „Everesting“. Hier geht es ebenfalls nicht um Geschwindigkeit, sondern darum, möglichst oft das Rossfeld zu erklimmen. Zu jenen, die dies jährlich so oft schaffen, dass sie symbolisch den Mount Everest hochgefahren sind, gehört auch der ehemalige Marktbürgermeister Franz Rasp.

 

Mathias Irlinger