Die Nebelfässer im Zauberwald – Luftschutz im Zweiten Weltkrieg

September 2026

Am 13. August herrschte ein wenig Aufregung im sonst so beschaulichen Zauberwald in der Ramsau. Mitten in der Hochsaison wurden der beliebte Wanderweg und die Straße zwischen Ramsau und Hintersee führ mehrere Stunden gesperrt. Überregionale Medien berichteten vor Ort. In offiziellen Pressemitteilungen hieß es, es werden „Kampfstoffe“ geborgen. Bereits am Tag zuvor hatte der Berchtesgadener Anzeiger aber enthüllt, dass es sich um ein Nebelsäurefass aus dem Zweiten Weltkrieg handelte. Doch was war der Zweck der Fässer? Und wie kamen sie in den Zauberwald?

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Mit diesen Fässern konnte künstlicher Nebel erzeugt werden, um markante Punkte am Boden zu verhüllen und somit gezielte Luftangriffe zu erschweren. Dazu wurde die Nebelsäure in den 200-Liter-Fässern mit Pressluft durch eine Düse gedrückt. Durch die Reaktion mit Sauerstoff entstand künstlicher Nebel. Im Zweiten Weltkrieg stattete die Luftwaffe Häfen, wichtige Brücken oder Industrieanlagen mit entsprechenden Nebelfassgeräten aus.

 

 

 

Luftschutz in Berchtesgaden

Bereits ab Mitte der 1930er-Jahre forcierte das NS-Regime diverse Luftschutzmaßnahmen im ganzen Reich. Der neugegründete Reichsluftschutzbund wurde zur Massenorganisation. Für Adolf Hitler und die NS-Führungsriege war klar, dass Luftangriffe eine zentrale Rolle im nächsten Krieg, auf den sie von Beginn an hinarbeiteten, spielen werden. Bereits am ersten Kriegstag legte die deutsche Luftwaffe eine polnische Kleinstadt in Schutt und Asche. Weitere Angriffe auf Städte in verschiedenen Ländern folgten. Es war zu erwarten, dass die Alliierten das Feuer erwidern.

Ausgerechnet am Obersalzberg waren die Luftschutzmaßnahmen zu Beginn des Krieges aber mäßig, da das Gebiet weit von allen Frontabschnitten entfernt lag. Ein Luftangriff schien unwahrscheinlich. Dies änderte sich 1943 abrupt. Zum einen verlor das Deutsche Reich die Lufthoheit über den eigenen Luftraum. Aufgrund von Nachschubproblemen und fehlender Flugzeuge konnte der eigene Luftraum kaum noch verteidigt werden. Zudem landete das US-Militär auf Sizilien und kam über Italien von Süden näher. Im März 1943 erlebte München einen schweren Luftangriff.

 

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Tarnnetz, Auer Kirche

Sofort begannen aufwändige Luftschutzplanungen für Hitlers Wahlheimat am Obersalzberg, wo auch der Chef der deutschen Luftwaffe Hermann Göring und weitere führende Nazis Häuser hatten. Die wohl markanteste Maßnahme war der Bau der 6,2 Kilometer langen Bunker im „Führersperrgebiet“ ab Juli 1943 sowie weiterer Bunker im Talkessel z.B. bei der kleinen Reichskanzlei in der Stanggass und bei der Kaserne in der Strub. Für die Zivilbevölkerung gab es einfache Stollen etwa beim Bahnhof, beim Weinfeld oder im Nonntal sowie im Salzbergwerk. Zudem wurden Flug-Abwehr-Kanonen (Flak) auf den Bergen rund um den Talkessel aufgestellt – wie etwa am Lockstein, am Rossfeld oder am Grünstein. Insgesamt gab es zehn Stellungen mit 54 Geschützen. Hinzu kam die Tarnung von Gebäuden mit dunklen Anstrichen und künstlichen Laubnetzen. Dies betraf auch markante Gebäude in der Umgebung des Obersalzbergs, die den feindlichen Piloten als Orientierung dienen konnten – so etwa die Auer Kirche.

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SS-Mann mit Nebelfassgerät

Die SS-Nebelabteilung Obersalzberg

Ein weiterer Baustein war die Vernebelung des Talkessels. Anders als überall sonst im Deutschen Reich übernahm am Obersalzberg – aufgrund der Bedeutung des potenziellen Angriffszieles – nicht die Luftwaffe diese Aufgabe, sondern die SS. Eine eigene SS-Nebelabteilung Obersalzberg mit 600 SS-Männern wurde gebildet und ca. 270 Nebelfassgeräte des Typs 43 nach Berchtesgaden verlegt. Zur Bedienung der Geräte gab es strenge Sicherheitsvorschriften und entsprechenden Schutzkleidung wie Gasmasken, Gummischürzen und -handschuhe. Dennoch kam es zu Verätzungen. Die einzelnen Gruppen verteilten sich in drei Ringen im und rund um den Berchtesgadener Talkessel und waren meist in der Nähe der Geräte in Privathäusern untergebracht, damit sie schnell ihre Einsatzorte erreichen konnten. Bekannte Unterbringungsorte waren zum Bespiel der Neuwirt in Bischofswiesen und der Schwabenwirt beim Bahnhof Berchtesgaden. Die Einsatzorte waren mit einer Telefonleitung mit der Kommandozentrale in der SS-Kaserne am Obersalzberg verbunden. Ein eigener Wetterzug der SS-Nebelabteilung versorgte die Gruppen mit meteorologischen Daten, damit die Vernebelung möglichst effizient funktionierte.

Dies alles passierte in Zeiten der Ressourcen- und Materialknappheit. Doch am Obersalzberg gab es keinen Mangel. 1944 wurde die Vernebelung sogar noch einmal auf die Gebiete Salzburg, Hallein, Saalachsee und Bad Reichenhall ausgedehnt. Begriffe wie „führerwichtig“ oder „Auf Wunsch des Führers“ in den Akten machen klar, dass der Schutz des Obersalzbergs oberste Priorität hatte. Im Umkehrschluss fehlte es im ganzen Reich an adäquaten Schutzmaßnahmen für die Zivilbevölkerung.

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Talkessel in künstlichem Nebel ca. 15 Minuten nach Alarm bei einer Übung

 

 

 








 

(Foto: Plenk Media)

Mehrfach wurde die Effizienz der Maßnahmen getestet. Anfang 1944 ließ sich Hitler selbst die Vernebelung vorführen. Filmaufnahmen davon sind heute in der Dokumentation Obersalzberg zu sehen. Im Sommer 1944 wurde die Maßnahme mit einem neuartigen britischen Radargerät geprüft, das die deutsche Wehrmacht zuvor in Rotterdam aus einem abgeschossenen Flugzeug sichern konnte. Etwa zu gleicher Zeit begannen die Luftalarme im Berchtesgadener Talkessel. Mehrfach wurde der Talkessel vernebelt, da sich feindliche Flugzeuge auf Flugrouten befanden, auf denen auch Berchtesgaden lag. Der Talkessel wurde aber stets überflogen oder die Angriffsziele lagen in der Umgebung wie im Oktober 1944 in Salzburg.

Eine Vernebelung war also keine Besonderheit mehr. Einige Zeitzeuginnen und Zeitzeugen erinnern sich noch heute an den ätzenden Gestank der künstlichen Nebelschwaden. Zudem sollte man nach einer Vernebelung nicht aus Bächen und Seen trinken, da sich die Säure darin absetzte. Anfang 1945 wurde die Anzahl der SS-Männer am Obersalzberg und im Talkessel deutlich reduziert, da die mehr als 2.000 Männer dringend für den Kriegseinsatz gebraucht wurden. Der Reichsarbeitsdienst (RAD) übernahm einige Flak-Stellungen, bei der Nebelabteilung kamen knapp zweihundert Frauen – sogenannte SS-Maiden – zum Einsatz, die zuvor in der Oberau ausgebildet worden waren.

Ausgerechnet beim Luftangriff auf den Obersalzberg am 25. April 1945 versagte jedoch das System. Um einen dichten Nebel zu erzeugen, musste der Einsatzbefehl je nach Wetterlage mindestens 30 bis 45 Minuten vorher erfolgen. An diesem Tag kam er zu spät. Teilweise waren die Gruppen noch nicht einmal bei ihren Nebelgeräten, als die britischen Bomberflugzeuge am Himmel auftauchten. Für den Berchtesgadener Talkessel mag dies sogar ein Vorteil gewesen sein, da der Luftangriff damit gezielt auf das „Führersperrgebiet“ erfolgte und umliegenden Siedlungen – bis auf wenige gleichwohl dramatische Ausnahmen – verschont blieb. Am Obersalzberg gab es wiederum ausreichend Bunker – anders als in fast allen deutschen Städten. Deshalb blieb die Zahl der beim Luftangriff verstorbenen Menschen mit 31 vergleichsweise gering. 

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Nebelfass vor der Bergung

Die Nebelfässer im Zauberwald

Doch wie kommen die Fässer in den Zauberwald? Da die Einsatzorte der meist nur einige Männer (später auch Frauen) starken Gruppen weit verstreut lagen, sind heute nicht alle Standorte bekannt. Zudem schlugen sich die Entwicklungen in den letzten Kriegswochen kaum noch in den Akten nieder. Aber hier konnten Zeitzeugen aus der Ramsau helfen. Sechs Ramsauer, die bei Kriegsende zwischen sechs und 13 Jahre alt waren, erinnern sich noch gut an die Fässer. Diese seien kurz vor Kriegsende von SS-Männern auf LKWs Richtung Hintersee transportiert und beim Holzlagerplatz (heute Parkplatz Blaueis) oberhalb des Zauberwaldes deponiert wurden. In diesen Tagen zeichnete sich ab, dass französische und US-amerikanische Truppen den Berchtesgadener Talkessel aus verschiedenen Richtungen (über Grödig/Marktschellenberg, über den Hallthurm und über die Schwarzbachwacht) angreifen werden. Damit verblieb der Hirschbichlpass als letzte Fluchtroute nach Österreich. Eilig wurden Akten, Munition und viele weitere Dinge zum Hintersee transportiert. Hitlers Stab und die Wehrmachtsführung bezogen den Alpenhof und umliegende Häuser. Als die Alliierten näherkamen, wurden viele Gegenstände vernichtet, Akten im Klausbachtal verbrannt. Die Nebelfässer warfen SS-Männer einfach die Böschung hinab in den Zauberwald. Nach Erinnerung der Zeitzeugen waren es 30 bis 50 Fässer sowie viele weitere Gegenstände und sogar ein Büssing-LKW.

Wenige Tage später erreichten alliierte Soldaten den Hintersee. Am Hirschbichl kam es Anfang Mai sogar noch zu letzten Gefechten, bevor sich hunderte deutsche Soldaten dort ergaben. US-amerikanische Soldaten fanden die Fässer im Zauberwald und beschossen sie von der Straße aus, um den Kampfstoff unschädlich zu machen. Die Gegend zwischen Hintersee und Marxenbrücke war in dichtem Nebel gehüllt. Einige der Zeitzeugen haben daran noch lebhafte Erinnerungen, da sie unweit des Zauberwaldes beim Erdbeerensuchen oder bei der Heuernte am Hintersee waren, als die Schüsse zu hören waren und der ätzende Nebel aufstieg. Die immer wieder – etwa bei hohem Wasserstand – austretende Säure führte in der Folgezeit dazu, dass Kühe des Brunnerlehens unweit des Zauberwaldes Verätzungen an den Klauen hatten. Einer der Zeitzeugen, der beim „Brunnei“ aufgewachsen ist, erinnert sich noch, dass sie als Jungs den Kühen auf die Klauen pinkeln sollten, da dies die Schmerzen lindern würde. Zudem berichten sie alle, dass sie die Fässer beim Spielen im Zauberwald gesehen haben. Vermutlich Anfang der 1950er-Jahre wurden die Fässer und die anderen Gegenstände im Zauberwald geborgen. Einiges davon – wie der Büssing-LKW – wieder verwendet. Einige wenige Fässer wurden dabei wohl übersehen, so wurde bereits 2025 eines im Zauberwald geborgen. Ein weiteres kam bei den Bergungsarbeiten am 13. August zum Vorschein, als das Sprengkommando das Gebiet weiträumig absuchte. Alle Fässer enthielten keine Säure mehr, da sie Einschusslöcher hatten. Es ist zu hoffen, dass es die letzten Fässer im Zauberwald waren.

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Mehr zu den Ereignissen bei Kriegsende in Berchtesgaden gibt es im neusten Band unserer Schriftenreihe: Mathias Irlinger/Thomas Jander: Das Kriegsende in Berchtesgaden 1945. Das Buch ist für 7 Euro beim Berchtesgadener Anzeiger, bei der Buchhandlung Rupprecht, der Tourist-Info im AlpenCongress, im Museum Schloss Adelsheim, der Dokumentation Obersalzberg oder unter info@heimatkundeverein-berchtesgaden.de erhältlich.

 

 

 

Text: Dr. Mathias Irlinger
Fotos: privat

Quellen:

Interviews mit sechs Ramsauer Zeitzeugen

Bundesarchiv, RL 19-7/47 und N 756

Irlinger, Mathias /Thomas Jander: Das Kriegsende in Berchtesgaden 1945, Berchtesgaden 2026.

Keller, Sven u.a. (Hg.): Hitler und der Obersalzberg. Idyll und Verbrechen, München 2025.

Komposch, Karl: Das Kriegsende in der Ramsau, in: Hellmut Schöner u.a. (Hg.), Die verhinderte Alpenfestung, Berchtesgaden 1996, S. 44-48.

Mühlenberger, Jutta: SS-Helferinnenkorps, Hamburg 2010.