60 Jahre Hohe Tatra
Oktober 2026
Hellmut Schöner, lange Jahre Vorsitzender des Heimatkundevereins Berchtesgaden, hatte Slawistik studiert und dadurch enge Kontakte zu tschechoslowakischen Bergsteigern. Er initiierte einen regen Bergsteigeraustausch zwischen der Tschechoslowakei und der Alpenvereinssektion Berchtesgaden. Federführender Ansprechpartner in Berchtesgaden war Rudi Kellner, der unter anderem mit Uli Stöckl zum Bergsteigen in die Hohe Tatra fuhr.
Im Jahr 1966, also vor 60 Jahren, wurden wieder Berchtesgadener in die Hohe Tatra eingeladen mit der Bitte Utensilien wie Seile und Karabiner mitzubringen. Ich hörte in der AV-Jungmannschaft von dieser Einladung, fragte meinen Klassenkameraden und Jugendfreund Georg Wannninger, ob er Lust dazu hätte. Wir hatten gerade unser Abitur gemacht. Er hatte Lust und fragte seinen Freund Gerhard Walch, der auch Lust hatte. Meine Mutter hatte mir dazu dankenswerterweise ihren VW Käfer zur Verfügung gestellt. Immerhin gab es damals noch den Ostblock.
Wir beantragten die Visa und fuhren nach der Erteilung los. Über die ruckelige Straße A1 (die heutige Autobahn gab es erst in Abschnitten) fuhren wir über Wien nach Preßburg (Bratislava), wo wir einen Kontaktmann treffen sollten. Der war aber noch bei der Arbeit, so dass wir die Stadt anschauten und warteten. Ab Abend kam er dann und lud uns zum Abendessen ein. Es gab nicht gerade wenig grusinischen (= georgischen) Kognak dazu, sodass ich nicht mehr ganz nüchtern zu einer Bleibe in der Niederen Tatra fuhr. Gegen 22 Uhr kamen wir dort an und staunten nicht schlecht. Für uns war eine Suite reserviert worden. Vom Flur eine Tür ins Badezimmer, eine andere ins Wohnzimmer, wo einer von uns schlafen konnte. Von dort eine Tür ins Schlafzimmer. Zur Suite gehörte noch ein großer Balkon. Wir waren uns – vermeintlich – einig, dass am nächsten Tag unsere Reise zu Ende wäre, da ein so tolles Hotel nicht in unserem Budget vorgesehen war. Wir schliefen trotzdem gut, genossen noch ein gutes Frühstück und bezahlten für das Ganze zusammen 30,- DM, nach heutigen Verhältnissen 15,- Euro. Sozialistische Verhältnisse halt.
Wir fuhren, wie ausgemacht, zu einem Parkplatz in Poprad (ehemals Deutschendorf), wo schon auf uns warteten: Frantisek, der Hüttenwirt der Teryho Chata auf 2015 m Höhe, der Berghütte, zu der wir wollten, dann sein Träger Milan und zwei Studenten, einer davon Zdenek Vesely, die sich im Sommer als Hilfsträger Geld dazu verdienten. Gegen unseren Widerstand schulterten die Studenten unsere Rucksäcke, worüber wir nach ungefähr einer Stunde ganz froh waren. Denn bei der ersten Berghütte, die wir passierten, gab es erst mal zur Begrüßung für jeden von uns ein Wasserglas Sliwowitz. Als wir leicht bedudelt bei der Hütte angekommen waren, die für 36 Gäste ausgelegt ist, sollten wir uns einen Schlafplatz suchen, was wir in einem Raum, in dem sonst niemand war, dann auch taten. Im Laufe des Nachmittags kam eine Gruppe von Bergsteigern, die der Sprache nach eindeutig aus der DDR kamen. Frantiszek bedeutete ihnen, dass die Hütte voll sei und schickte sie wieder ins Tal. Auf meinen Hinweis, dass doch noch genügend Plätze frei seien, meine er, dass Leute aus der DDR in der CSSR nicht beliebt seien, da sie sich als die besseren Kommunisten darstellten.
Nach einer ruhige Nacht machten wir uns auf und bestiegen der Reihe nach die Kezmarski stit mit 2550 m Höhe (stit = Spitze), die Gerlachowsky stit mit 2654 m und die Lomnizky stit mit 2632 m Höhe, auf die auch eine Seilbahn geht. Von der Gerlachowsky stit konnte man in Richtung Norden auch in das polnische Zakopane hinuntersehen, auch im Winter ein bedeutender Sportort, in dem Papst Johannes Paul II., als er noch Erzbischof und Kardinal von Krakau war, oft beim Schifahren war.
Nach knapp einer Woche bekamen wir das Geld für die Bergutensilien, die wir aus Berchtesgaden mitgebracht hatten, allerdings in Kronen, die wir weder ausführen noch in DM umtauschen durften. Wir mussten also das Geld in Prag ausgeben, wo wir noch hinfahren wollten. Für das Quartier dort bezahlten wir schon mal nichts, da Zdenek organisiert hatte, dass wir kostenlos in der Wohnung seiner Tante übernachten durften.
Wir besichtigten die Stadt Prag, gingen über die Karlsbrücke auf den Hradschin mit dem Dom und besorgten uns Karten für die Oper Carmen von Bizet. Das war ein besonderes Erlebnis, da die Carmen von einer jungen Sopranistin verkörpert wurde, die äußerst sexy auf der Bühne herumwirbelte. Ihr Name war Edita Gruberova (1946 – 2021) , die später im Westen eine große Karriere machte. Ich kaufte mir Schallplatten, die für unsere Verhältnisse spottbillig waren und lernte bei dieser Gelegenheit Musik von Leos Janacek kennen und schätzen. Schorschi dagegen kaufte sich ein Service aus böhmischem Glas.
Am Schluss unserer Reise wurden wir noch nach Tabor zu den Eltern von Zdenek eingeladen. Seine Schwester war auch anwesend. Sie war Leichtathletin in der Olympiamannschaft der CSSR.
Die Rückreise verlief unspektakulär bis auf den Grenzübertritt von der Tschechoslowakei nach Bayern. Auf tschechoslowakischer Seite wurden wir ganz normal abgefertigt. Auf der bayrischen Seite unterhielten sich die Grenzer ohne sich um uns zu kümmern. Ich fragte durch die geöffnete Seitenscheibe, ob sie unsere Ausweise nicht sehen wollten. Antwort eines der Grenzer: „Warum, habts welche? Grinste und winkte uns durch.
Text und Fotos: Gernot Anders (geboren 1946)



