In der Twing (Zwing)

Mai 2026

In den Erbrechtsbriefen des späten 14. Jahrhunderts und im Holzschnitt von Johann Faistenauer und Simon Gastager von 1628 vom Stift Berchtesgaden gibt es die Gemarkung "In der Zwing (Twing)". Über den Namen gibt es unterschiedliche Meinungen.

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Während Herbert Pfisterer meinte, es wäre ein Herrschaftsgebiet der Herren von Grafengaden gewesen, denen der Talkessel vor der Gründung des Chorherrenstifts im Jahr 1102 gehörte und in das man unbefugt nicht hinein durfte, bin ich entgegengesetzter Meinung. Es gibt ja die Begriffe Zwing und Bann. Während ein Bann tatsächlich bedeutet, dass man irgendwo nicht hinein darf, zum Beispiel in einen Bannwald oder die Bannmeile um den Bayerischen Landtag in München, innerhalb der man nicht demonstrieren darf, bedeutet Zwing das Gegenteil. Ein Vogel darf zum Beispiel nicht aus einem Vogelzwinger heraus. Das gleiche gilt für einen Hundezwinger.
Es gibt noch eine andere Theorie. Laut Thomas Lindner, einem Salzburger Indogermanisten, gibt es als frühgermanische Wörter Weng und Wang als abschüssiges Gelände (zum Beispiel Werfenweng und Wangen im Allgäu). Und in der Tat ist die Zwing ein abschüssiges Gelände südlich von Kälberstein. Allerdings gibt es dafür in Berchtesgaden ein anderes Wort, nämlich Leiten, so zum Beispiel Metzenleiten, Fendtenleiten, Eckerleiten, Kropfleiten und eben Hienleiten, das in der Zwing liegt. Deshalb, und auch wegen des Folgenden, ist diese Theorie eher unwahrscheinlich

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Die zehn Lehen in der Zwing waren in alphabetischer Reihenfolge Bader, Druckerboden, Hienleit, Rädermacher, Schuster, Stocker, Roßpoint, Tristram, Urban und Zwinger. Vier davon waren von Zaun umfangen. Interessant waren die Besitzer, die in den Erbrechtsbriefen vermerkt sind. Während in den Gnotschaften auf dem Land häufig Handwerksberufe oder Jäger und Fischer (zum Beispiel Fischmichllehen) vorkommen, fällt auf, dass in der Zwing mehrmals Beschäftigte des Stifts vorkommen: so gehörte Beispiel das Zwingerlehen dem Sohn des alten Kuchlmeisters, das Druckerbodenlehen dem Landrichter von Berchtesgaden, das Schusterlehen dem Mesner und das Baderlehen der Frau von Heinrich dem Scherer. Es ist nicht zu beweisen, aber es könnte sein, dass die Lehen in der Zwing der Versorgung des Stifts mit landwirtschaftlichen Produkten dienten, so das Hienleitlehen (von Hühnerleite), später Hotel Geiger und heute Kulturhof Stangass, der Versorgung mit Eiern und Hühnerfleisch. Später wurde das Stift vom Dietfeldhof und dem Rosenhof versorgt. Interessant ist auch, dass die Häuser der ehemaligen Zwing bis zum Mai 1988 nicht zum Schulsprengel Bischofswiesen, sondern zum Schulsprengel Berchtesgaden gehörten. Und kirchenrechtlich gehören die Häuser in der ehemaligen Zwing bis heute zur Pfarrei St. Andreas in Berchtesgaden, nicht zur Pfarrei Bischofswiesen.

Text und Repro: Gernot Anders

 

Quellen:

Sammlung Kleindienst im Landratsamt BGL

Rolf Farnsteiner : Von Lehen und Menschen des Berchtesgadener Landes in Geschichte von Berchtesgaden I, S. 843 ff.

Karl Bosl: Forsthoheit, S.38 Herbert Pfisterer: Neue Überlegungen zur frühen Geschichte Bischofswiesens